Predigt des Kapitelsvikars Dr. Piontek bei einer Priesterweihe in Senftenberg 1957
Es gibt Predigten, die noch über Jahrzehnte im Gedächtnis bleiben - nicht durch große Retorik oder durch tiefe Theologie, sondern weil sie von Herz zu Herz sprechen. So verhält es sich auch mit der Ansprache des Kapitelsvikars Dr. Piontek bei der Priesterweihe in Senftenberg 1957. Immer wieder einmal wird sie zitiert; zuletzt v am 13. März im Priesterseminar Redemptoris Mater durch Kardinal Sterzinsky. Nach fünfzig Jahren haben sich sicherlich die Verhältnisse geändert, auch in der Kirche. Vielleicht wird man manches, was Ferdinand Piontek damals von den Familien sagte, heute auf die ganze Gemeinde übertragen und den Blick weiten auf unterschiedliche geistliche Berufungen. Aber auch heute gilt: Die Priester fallen dem Bischof nicht als Engel vom Himmel.
Meine lieben Senftenberger!
Es sind jetzt schon sechzig Jahre her, dass ihr einen Priester habt. Vorher gehörtet ihr nach Spremberg, aber im Jahre 1893 sandte euch der Bischof einen eigenen Seelsorger. Der blieb freilich nur zwei Jahre, aber sein Nachfolger wirkte 19 Jahre bei euch und der nächste Pfarrer sechs Jahre. Dann kamen zwei Priester, die ihren Lebenslauf bei euch beschlossen hatten und neben eurer Kirche begraben sind: Pfarrer von Tessen nach 21jähriger Tätigkeit, Pfarrer Winkler nach neunjährigem Wirken. Und seit vier Jahren ist euer jetziger Pfarrer bei euch. Sechs Priester hat euch also im Laufe der sechs Jahrzehnte der Bischof gesandt. Hätte euch der Bischof mal ein paar Jahre ohne Priester gelassen, da hättet ihr große Augen gemacht: Was ist das für eine Ordnung in der Kirche, wie kann uns der Bischof ohne Seelsorger lassen, uns, die wir eine so große Gemeinde sind? Ihr hättet an den Bischof geschrieben, Telegramme und Deputationen gesandt, und schließlich hättet ihr gesagt: Wir müssen uns an den Heiligen Vater in Rom wenden. Ihr habt euch nicht nach Rom zu wenden brauchen, der Bischof hat euch nie im Stich gelassen, hat euch immer einen neuen Pfarrer gesandt, wenn der alte verstorben oder versetzt worden war, hat für euch gesorgt wie ein Vater, hat euch in den letzten Jahren neben dem Pfarrer sogar noch einen Kaplan gesandt.
Und wie viele Priester hat Senftenberg selber bis zum Jahre 1956 hervorgebracht? Einen, einen einzigen. Ist das das richtige Verhältnis? Hätten alle Gemeinden so gehandelt, dann hätte euch der Bischof längst keinen Priester mehr schicken können. Also, das war nicht in Ordnung, das seht ihr selber ein, und ihr fragt euch selber, wie können wir das bessern? Das ist gar nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick aussieht. Ihr braucht nur den Vorsatz zu fassen: Wir wollen in unserer Familie so leben, dass ein Priester aus ihr hervorgehn kann. Ich sage: Hervorgehen kann, nicht wird. Denn ob wirklich ein Priester aus eurer Familie hervorgehen wird, das weiß ich nicht, und ihr wisst es auch nicht, das weiß nur Gott allein. Was tatsächlich geschehen wird, das wollen wir ruhig Gottes Weisheit überlassen, wir aber nehmen uns vor: Wir wollen in unserer Familie so leben, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann. Aus unerer Familie, darauf kommt es an, denn die Priester fallen dem Bischof nicht als Engel vom Himmel, sondern kommen aus den Familien, darum der Vorsatz: Wir wollen in unserer Familie so leben, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann.
Ich rate euch, diesen Vorsatz zu einem Gebet zu gestalten. Das ist sehr einfach. Ihr braucht nur zu sagen: "Lieber Gott, lass uns in unserer Familie so leben, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann." In diesem Gebet ist der Vorsatz gleich mit enthalten. Ein solches Gebet ist Gott wohlgefällig. Es ist ein Bittgebet. Nicht alle unsere Bittgebete sind gerade vorbildlich, oft sind sie seltsam im Inhalt, gleichen den Bitten unverständiger Kinder. Dieses Bittgebet: "Lieber Gott, lass uns in unserer Familie so leben, dass ein Priester aus ihr hervorgehen kann" ist Gott immer wohlgefällig.
Dieses Bittgebet ist zugleich für jeden eine heilsame Ermahnung, denn wenn ein Vater oder eine Mutter so betet, dann ist das eine Gewissenserforschung, ob denn in der Familie alles in Ordnung ist. Und welchen Eindruck muss es auf die Kinder machen, wenn sie beim gemeinsamen Abendgebet aus dem Munde des Vaters, aus dem Munde der Muttet die Worte hören: "Lieber Gott, lass uns in unserer Familie so leben, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann." Niemand kann voraussagen, bei welchen Familien eurer Gemeinde dieses Gebet in Erfüllung gehen, wirklich ein Priester aus der Familie hervorgehen wird, aber das ist sicher, jeder Familie wird dieses Gebet Segen bringen, jede Familie wird durch ein solches Gebet besser und glücklicher.
Es sind heute viele Priester zu dieser Feier versammelt. Liebe Mitbrüder, ich bitte euch alle, tragt dieses Gebet in die Familien eurer Gemeinde. Sprecht von diesem Gebet auf der Kanzel, erzählt von diesem Gebet im Religionsunterricht und in der Glaubensstunde! Wenn ihr das heilige Bußsakrament verwaltet, dann werdet ihr bald herausfinden, in welchen Fällen der Hinweis auf dieses Gebet angebracht und aussichtsreich ist; vielleicht wird es manchen Beichtkindern sehr willkommen sein, wenn ihr ihnen als Buße dieses kurze Gebet für ein paar Tage aufgebt. Vor allem vergesst es nicht beim Brautunterricht. Da sitzen vor euch zwei junge Menschen, die sich rüsten zur gemeinsamen Lebensfahrt. Ihre Seelen sind entschlossen, ihre Herzen bereit, ihr Wille gut. Ermahnt sie zu dem Vorsatz: Wir wollen unsere Ehe so führen, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann. Ermaht sie zu dem gemeinsamen Gebet: "Lieber Gott, lass uns beide so zusammen leben, dass aus unserer Ehe ein Priester hervorgehen kann." Ermahnt sie, dass sie dieses Gebet gemeinsam beten, laut beten. Mann und Frau in der Ehe sollen nicht jeder still für sich beten. Der Mann soll die betende Stimme seiner Frau hören und die Frau die betende Stimme ihres Mannes. Beide Stimmen sollen sich vereinigen in dem Gebet: "Lieber Gott, lass uns so zusammen leben, dass aus unserer Ehe ein Priester hervorgehen kann."
Meine lieben Senftenberger! Ein Anfang ist bei euch gemacht, ein verheißungsvoller Anfang. Heute vormittag ist ein Sohn eurer Gemeinde in dieser Kirche zum Priester geweiht worden. Er ist zwar nicht in Senftenberg geboren, aber bei euch seit 1945 wohnhaft, hat hier die Schule besucht, hat hier die für den Priesterberuf entscheidenden Jahre verlebt. Ihn könnt ihr euch wirklich gutschreiben. Am nächsten Sonntag wird er bei euch seine Primiz halten, und das wird die erste Primiz nach einer Pause von einundzwanzig Jahren sein. Also ein Anfang ist gemacht, ein verheißungsvoller Anfang, und es kommt nun alles darauf an, dass ihr diesem Anfang eine gute Fortsetzung folgen lasst.
Ich rechne auf euch, die ihr zu dieser Andacht erschienen seid. Ihr wart nicht verpflichtet, zu dieser Andacht zu kommen. Ihr seid aus freien Stücken gekommen, seid gekommen, obwohl das Wetter sehr unfreundlich ist. Ihr habt also guten Willen, und darum dar ich hoffen, dass meine Worte bei euch allen ein offenes Ohr und ein williges Herz finden, darf hoffen, dass niemand von euch von dieser Andacht fortgeht, ohne den Entschluss zum Gebet: "Lieber Gott, lass uns in unserer Familie so leben, dass aus ihr ein Priester hervorgehen kann."
Ihr könnt dieses Gebet jederzeit beten, besonders aber rate ich es euch nach dem Empfang der heiligen Kommunion. Wenn ihr von der Kommunionbank zurückgekehrt seid an euren Platz, dann sprecht aus der Fülle eures Herzens zu Christus: "Herr, lass uns in unserer Familie so leben, dass ein Priester aus ihr hervorgehen kann." Und ihr, deren Haare schon grau geworden und deren Kinder erwachsen sind, kleidet dieses Gebet in die Form: "Lieber Gott, lass meine Kinder so leben, dass aus ihren Familien ein Priester hervorgehen kann."

